Nichtsahnend ziehe ich heute früh die Stormarn-Beilage aus dem Essener Hamburger Abendblatt. Und mein Blick fällt auf den großen Aufmacher mit der Schlagzeile: „Täter sieht sich selbst als Opfer“ – siehe die Abbildung! Und darüber steht das riesige Foto vom Tatort eines Mordes.
Auf den zweiten Blick erfährt der Leser: Ein Mann aus Kaukasien hat einen Bekannten, der aus Tschetschenien stammt, in Barsbüttel erstochen. Nicht gestern, sondern im November 2013. Das Aktuelle an dem Fall ist, dass der Täter jetzt vor Gericht in Lübeck steht.
Was soll man als Leser des Hamburger Abendblatts von einer aktuellen Aufmachung im Boulevard-Stil halten? Es ist nicht das erste Mal, dass die Stormarn-Beilage mit einem Mord aus der Vergangenheit die Seite 1 aufmacht. Im vorliegenden Fall: Wen interessiert es im Kreis Stormarn, warum ein Russe einen anderen Russen erstochen hat…? Beide, sowohl der Täter als auch das Opfer sind erst im vergangenen Jahr nach Deutschland eingereist, wo sie sich in der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Neumünster kennengelernt haben.
Und angenommen, der Mord wäre nicht zufällig in Barsbüttel passiert, sondern in Neumünster – keine Zeile wäre es der Redaktion wert gewesen.
Nun also der sensationelle Aufmacher des Tages. Als Leser fühle ich mich als Opfer der Redaktion.












