Weihnachtsmärchen: Wie man “Zuckerguss” auf “Luft” reimt und damit auf die Titelseite der Stormarn-Beilage kommt

Weihnachten ist auch die Zeit der Gedichte. Die werden von kleinen Kindern vor dem geschmückten Tannenbaum aufgesagt, bevor es ans Öffnen der Geschenkpäckchen geht. Und Zeitungen und Anzeigenblätter veröffentlichen zur Weihnachtszeit immer wieder gern von Lesern selbstverfasste Gedichte. Doch die sind mitunter so gruselig, dass es mir beim Lesen nicht nur die Schuhe auszieht, sondern auch noch die Socken.

aus: Hamburger Abendblatt

“In die gehetzten Winkel meines Innren hinein” (aus der Stormarn-Beilage im Innren vom Hamburger Abendblatt)

Die Stormarn-Beilage vom Hamburger Abendblatt hat zur Weihnachtszeit ebenfalls ein Gedicht veröffentlicht. Und das sogar auf der Titelseite mit Foto der Schreiberin, also ganz prominent – siehe die Abbildung! Nur: Die junge Dame kann garnicht richtig dichten, was sie mit ihren abgedruckten Zeilen beweist.

Mal abgesehen davon, dass in den Versen und Strophen nur die üblichen weihnachtlichen Allgemeinplätze aneinandergereiht werden, so ist das Gedicht geschrieben nach dem Motto: „Reim dich, oder ich fress’ dich!“ Beispiele gewünscht? Bitte:

Auf „Glinde“ reimt die junge Dame „verbinden“, auf „schneit“ folgt „reicht“, auf „beginnen“ folgt „klingen“.  Und auf „Land“ reimt sie „sanft“, was sie offenbar als so gelungen ansieht, dass sie es sogar noch einmal an anderer Stelle wiederholt. Und auf „Seen“ folgt „Schnee“, und auf „Luft“ reimt sie allen Ernstes „Zuckerguss“.

Und dann lesen wir, dass „Blockflotenkonzerte die Ohren verengen“ und „in Hupkonzerten Weihnachtslieder erklingen“. (Zwischenfrage: Haben Sie so was irgendwo gehört…?)  Und die Dichterin schließt: „… dann steh’ ich am Fenster und seh’ in das Land / und winterlich leise Stimmung zieht sanft / in die gehetzten Winkel meines Innren hinein. / Zu Weihnachten kehre ich immer gern heim.“

Die Stormarn-Beilage bezeichnet die Studentin auf Englisch als “Poetry-Slammerin”. Ich würde sie auf gut Deutsch eher “Poesie-Stammlerin” nennen. Aber als Leser von Szene Ahrensburg wissen Sie ja auch, dass ich Menschen kritisiere, die ins Rampenlicht gestellt werden, obwohl sie es nicht verdient haben.

Ja, ja, liebe Leser, natürlich weiß ich, dass es in Gedichten auch sogenannte “unreine Reime” gibt. Wer die verwendet, kann Zeilen in Nullkommanix untereinander schreiben und das Resultat als “Gedicht” bezeichnen. Doch wer dabei “Zuckerguss” auf “Luft” reimt, der sollte lieber undichte Regenrinnen dichten statt unreine Reime.

Auch ist mir bekannt, dass es die dichterische Freiheit gibt. Und Kitsch gibt es auch. Und Allgemeinplätze und Blabla sowieso. Aber: Muss das unbedingt auf der ersten Seite einer Zeitungsbeilage erscheinen…? Wenn man dort ein Gedicht veröffentlichen möchte, dann sollte die Redaktion eine/n Dichter/in damit beauftragen, also jemanden, der Lyrik beherrscht. Denn wenn unser Dach nicht dicht ist, dann bestellen wir doch auch einen Dachdecker und keinen Dichter, oder…!?

Postskriptum: Natürlich ist die hübsche junge Dame auf der Titelseite sehr viel attraktiver als irgendein alter greiser Dichterfürst…!  332

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am 26. Dezember 2015

2 Gedanken zu „Weihnachtsmärchen: Wie man “Zuckerguss” auf “Luft” reimt und damit auf die Titelseite der Stormarn-Beilage kommt

  1. Sabine Heinrich

    Es gibt immer noch Steigerungen – die Stormarnbeilage betreffend – hinsichtlich dessen, was sie ihren erwachsenen und halbwegs gebildeten Lesern zumutet!

    Die Zehennägel rollten auf sich
    nach Lektüre dies’s “Gedichts”.

    Ich kann das auch (Wirklich!) viel besser, wollte aber den vorgegebenen Qualitätsstandard beibehalten.

  2. Wolfgang v. Schiller

    Hat die Dichtersfrau dafür Geld gekriegt? Dann dürften das wohl höchstens 8,50 Euro sein als Mindestlohn für eine Stunde. Obwohl sie vermutlich nur 20 Minuten für ihr Werk benötigt hat. 😉

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