Rathausplatz: Ballermänner mit Kanonenschlag

Als wir heute zum Essen ins China-Restaurant am Rathausplatz wollten, da war nämlicher Platz für Autos gesperrt. Also haben wir anderswo geparkt, sind zum Essen gegangen und kamen dann wieder zurück, um zum Nachtisch ein Eis am Fuße der Treppe zu holen. Und dann sahen und hörten wir es:

AufmarschHeute muss etwas Ähnliches in Ahrensburg stattgefunden haben, was man früher mal „Schützenfest“ nannte. Früher, als die Straßen zu diesem Anlass noch festlich geschmückt waren, der  Umzug der Schützen durch die ganze Stadt ging, und wo das große Festzelt auf dem Sportplatz stand. Und der heutige Parkplatz an der Alten Reitbahn war damals ein romantischer Rummelplatz mit Kinder-Karussells, Auto-Scooter, Losbude und allerlei weiteren Ständen und Fahrgeschäften.

Heute zog ein Zug von verschiedenen Schützenvereinen auf den Rathausplatz, von der Bevölkerung nahezu unbeobachtet. Aber Bürgervorsteher und Bürgermeister waren vorhanden. Klar, immerhin hat die Ahrensburger Schützengilde eine starke Lobby in Politik und Verwaltung, mit deren Hilfe die Stadtkasse um fast eine Million Euro erleichtert wurde wegen Neubau der Schützenhalle. Geld, das heute an allen Ecken und Kanten fehlt.

Bildschirmfoto 2013-08-25 um 18.11.16Und dann wurden auf dem Rathausplatz diverse Reden gehalten, und Schützen wurden geehrt. Und die Musik spielte der Ahrensburger Spielmannszug. Und es passierte eine Unverschämtheit: Ohne dass die ahnungslosen Passanten darüber informiert wurden, ertönte zweimal ein Schuss aus einer Kanone in ohrenbetäubender Lautstärke. Ich bin nicht schreckhaft und liebe Feuerwerk, aber Kanonendonner aus heiterem Himmel – das war auch mir zuviel!

2013-08-25 14.20.04Und dann zogen die Ballermänner und Frauen in ihrem mit Orden geschmückten Karnevals-  Phantasie-Uniformen wieder von dannen. Und ich denke mal: In einem Jahrzehnt gibt es in Ahrensburg keinen Schießverein mehr, weil diese alte Tradition sich in unserer Stadt einfach überlebt hat. Und darum haben sich vermutlich auch ein paar Herren unter die Schützen gemischt, die in ihrem Outfit an Totengräber Bestattungsunternehmer denken ließen – siehe die Herren im Zylinder!

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht am 25. August 2013

5 Gedanken zu „Rathausplatz: Ballermänner mit Kanonenschlag

  1. Wolfgang König

    Hallo, Herr Dzubilla,
    haben Sie etwa noch nie ein Ahrensburger Schützenfest erlebt? Waren Sie etwa noch nie zu einem Katerfrühstück zusammen mit den Politikern, der Presse und Vertretern anderer Vereine eingeladen? Da ist Ihnen viel entgangen.
    Die Schützengilden dürften wohl die ältesten bürgerlichen Vereine sein. Sie haben ihren Ursprung im Mittelalter als die Bürger ihre Städte gegen Angreifer verteidigen mussten. Diese Tradition der Schießübungen wurde beibehalten.Die Ahrensburger schossen um 1900 von der Schlossinsel und auf der Burg. Die Großhansdorfer hatten ihren Schießstand im Park Manhagen. Wohl Anfang der 50er Jahre wurden einfache Waffen und Gilden wieder erlaubt. Im Forsthof Hagen war die Keimzelle unserer Ahrensburger Schützengilde. Im großen Festsaal wurde anfangs mit Luftgewehren auf Scheiben geschossen. Ich habe noch eine Scheibe von meinem Vater. 1955 wurde der Schützenverein gegründet. In Eigenleistung schuf sich der Verein einen Schießstand neben dem Fortshof. Er schloss sich mit dem Volksverein (?) zu den großartigen Veranstaltungen des Volks- und Schützenfestes zusammen. Alljährlich erfolgte ein langer Umzug mit Kapellen durch Ahrensburg und über die Hagener Allee bis zur Festwiese vor dem Forsthof, begleitet von hunderten von Bürgern. Zwischen den beiden großen Scheunen war Kirmes und ein großes Festzelt aufgebaut. Im Festzelt oder in der einen Scheune gab es dann Veranstaltungen und Katerfrühstück. Sonntagabend wurde auf dem Stormarnplatz Feuerwerk gezündet. Mit der Bebauung des Forsthofes verlagerte sich das Fest nach Ahrensburg. Die Schützengilde musste ihren Schießstand verlustreich aufgeben und im Auetal neu beginnen.

    Alles um unser Schützenfest ist teurer geworden. Hohe Beiträge würden Mitglieder verprellen. Das Risiko von Zuzahlungen ist groß. Die Kassen sind leer. Es gibt keine Kirmes mehr. Es gibt kein Feuerwerk. Es gibt kein innerstädtisches Festzelt. Es gibt kein Katerfrühstück. Das Interesse der Bevölkerung schwindet. Man fühlt sich durch Lärm wie das Abfeuern von Böllerkanonen und Spielmannszüge belästigt. Man veralbert Tradition, Trachten und erworbene Orden. Die Schützengilde erntet Spott und Hohn. Das ist unfair. So kann man viel kaputtschreiben.
    Kunstvereine werden auch nicht wegen roter Sofas und skuriler Bilder verlacht.
    Und immerhin ist die Schützengilde nicht alt und verknöchert. Viele Jugendliche machen dort gewissenhaft mit und bilden Freundschaften. Sie haben Kontakte zum Ausland. Sie machen mit ihren Schießleistungen Ahrensburg weit bekannt wie unsere Schießsporthalle.
    Freuen Sie sich einmal mit uns.
    Mit freundlichen Grüßen
    Wolfgang König

  2. Wolfgang König

    Nachtrag
    Hallo, Herr Dzubilla,
    wenn ich mich richtig erinnere, hat die Schützengilde ca. 850.000 Euro von der Stadt erhalten. Das war wohl der Kaufpreis für das Grundstück der Schützengilde am Hopfenbach (Auetal) mit der Brandruine und kein Geschenk der Stadt. Die Stadt wollte diese Fläche in einen erweiterten Schlosspark integrieren. Nun ist es Brachland. Wenn noch belasteter Boden vorhanden wäre, hätten wir eine weitere Baustelle.
    Mit freundlichen Grüßen
    Wolfgang König

    1. Harald Dzubilla Artikelautor

      Wenn dem so ist, dann hätte ich eine geniale Idee: Die Stadt überträgt dieses Grundstück für den erweiterten Schlosspark an die Sparkassen-Stiftung. Und diese ist dann so freundlich und gibt 1 Million in die Schlossstiftung, damit dort endlich soviel Geld vorhanden ist, dass wir Bürger nicht weiterhin ins Fass ohne Boden zahlen müssen! Und dieser Vorschlag ist kein Spaß, sondern ganz ernsthaft gemeint, Herr Sarach!

  3. Wolfgang König

    Das ist eine gute Idee, Herr Dzubilla.
    Die Sparkasse wollte ja auch den naturgeschützten Forst Hagen auf dieser Grundlage und zu diesem Zweck erwerben. Allein die unsichere Finanzlage der Stadt lässt dies nicht zu.
    Mit freundlichen Grüßen
    Wolfgang König

    1. Harald Dzubilla Artikelautor

      Das war ja auch mein Hintergedanke. Und was die Finanzlage betrifft: Die Stadt darf nichts verkaufen, um die Erlöse zu stiften. Was sie in meinem Vorschlag ja auch nicht tun würde. 😉

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